Warum ich eine Rabenmutter bin

"Rabenmutter ist eine abwertende Bezeichnung für eine Mutter, die ihre Kinder vernachlässigt." - sagt Wikipedia.

"Das Gegenteil ist der Fall - eigentlich sollte der Ausdruck Rabenmutter eine Auszeichnung sein", sagt Julian Heiermann vom Naturschutzbund Deutschland (NABU).
(http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/1000-fragen-sind-rabenmuetter-wirklich-schlechte-mamas-a-760405.html)

Und was für eine Art Rabenmutter bin ich? Von beidem etwas. Wobei meine Zweifel an meiner mütterlichen Kompetenz wohl reichlich über die normalen Zweifel einer jeden Mutter hinaus geht. Was vor allem daher kommt, dass mir jahrelang von verschiedenen Menschen (allen voran meine Mutter) und Institutionen zu verstehen gegeben worden ist, dass ich eine schlechte Mutter bin - aus verschiedenerlei Gründen - bis ich es irgendwann geglaubt und dadurch meine natürliche Intuition, was in der Erziehung richtig und was falsch ist, verloren habe.

Um die Frage nun mal zu beantworten, warum ich als Mutter in die Sparte Rabenmutter passe - und in einige anderen Schubladen - hier einige Stichpunkte (Vorsicht, einige Teile des Textes enthalten Ironie):


- Mit 16 war ich das erste Mal schwanger mit einem Jungen. Mein Sohn ist behindert und kam deshalb auf Wunsch des Jugendamtes, die mich nicht in der Lage sahen, das Kind zu versorgen, in eine Pflegefamilie.
Jung schwanger werden = Rabenmutter.
Kind in Pflegefamilie = Rabenmutter.

- Nach anfänglichen Unverständnis darüber sah ich ein, dass er dort mehr bekommt als ich ihm jemals geben kann, besuchte ihn dort zwar regelmäßig, aber kämpfte nicht darum, ihn zurückzubekommen.

- Stattdessen wurde ich kurze Zeit später wieder schwanger mit einem Mädchen.

- Ich entwöhnte sie mit einem Jahr von der Nuckelflasche, mit anderthalb vom Schnuller und verlangte von ihr, als sie fünf Jahre alt (und zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren trocken) war, sich den Hintern allein abzuwischen - und erwartete das auch bei Besuchen bei Oma (meiner Mutter), die mir schwere Vorwürfe machte, als meine Tochter vor lauter Trotz darüber, dass ich Oma nicht erlaubte, ihr wie sonst den Hintern abzuwischen, eine Viertelstunde lang auf der Toilette Rotz und Wasser heulte. Das arme Kind sei ja psychisch völlig fertig und nur, weil ich nicht zuließ, dass man ihm beim Abwischen half...
Kind weinen lassen/streng sein = Rabenmutter.

- Ich hatte mehrere Erziehungshilfen - allein das macht mich für viele zur Rabenmutter. Da kann ja was nicht stimmen, wenn das Jugendamt da so hinterher ist. Dass die Familienhilfen alle nur Positives zu berichten hatte, interessiert weder das Jugendamt noch die anderen Leute.
Hilfe vom Jugendamt = Rabenmutter.

- Meine Tochter ist stark verhaltensauffällig. Das kann ja nur die Schuld der Mutter sein, die muss ja was falsch gemacht haben. Dass es daran liegt, dass der Vater sich erst zehn Jahre gar nicht gekümmert hat, dann plötzlich das alleinige Sorgerecht beantragte und das Kind schwer beeinflusste, woraufhin meine Tochter ein halbes Jahr bei ihm lebte und dann zu mir zurückkam, weil "der Papa das nicht so hinkriegt mit Arztbesuchen und meinen Schulsachen und er immer so genervt ist, wenn ich in seiner Nähe bin", und der Vater sich seit dieser Entscheidung nicht mehr meldet und ihr gesagt hat, sie brauche sich gar nicht mehr bei ihr zu melden - undenkbar. Die Probleme treten ja schließlich bei mir und meinem Mann auf - und nicht beim Vater...

- Mit 25 und 27 wurde ich nochmals Mutter von zwei Jungs. Bei so vielen Kindern kann die Mutter ja nur asozial sein.
Viele Kinder = asozial = Rabenmutter.

- Wir erhalten aufstockend ALGII. Ich mache eine Umschulung zur Bürokauffrau, mein Mann hat neben seinem Vollzeitjob noch einen Minijob. ABER: HartzIV = asozial = Rabenmutter/-eltern.

- Meine Tochter ist so stark verhaltensauffällig, dass sie in die Kinder- und Jugendpsychiatrie muss. Nur eine Rabenmutter hat ein so schwer gestörtes Kind. Und nur eine Rabenmutter gibt ihr Kind in eine Psychiatrie.

- Meine Tochter muss im Haushalt helfen. Und das auch noch täglich. Das arme Aschenputtel.

- Meine kleinen Söhne (5 und 3) müssen das noch nicht. Ist doch klar, dass ich die beiden bevorzuge, oder? Ich Rabenmutter.

- Meine Tochter stammt aus einer früheren Beziehung, mein Mann ist also nicht der Vater. Die beiden Kleinen sind von ihm. Ich will doch meine Tochter nur loswerden - deshalb stecke ich sie in die Psychiatrie.

- Der 5jährige sagt ständig Arschloch - auch gern in der Öffentlichkeit. Ich reagiere möglichst nicht darauf, weil Ignorieren besser hilft als Schimpfen. Glaubt mir keiner - ich hab doch einfach nur keine Lust, mich drum zu kümmern, weil mir mein Kind egal ist.

- Ich bin furchbar chaotisch, eine ganz schlechte Haushälterin.
Chaotischer Haushalt, wenn Kinder da sind = Rabenmutter.

- Ich habe schon gearbeitet, als der jüngste noch nicht im Kindergarten war und ihn dafür in die Kinderkrippe gesteckt.
Kinder unter drei und arbeiten gehen = Rabenmutter.

- Ich habe keine Ausbildung.
Keine Ausbildung = kein gutes Vorbild für die Kinder = Rabenmutter.


Das sind die Gründe, warum mich andere für eine Rabenmutter (im negativen Sinne) halten.


Gründe, warum ich mich für eine Rabenmutter (im positiven Sinne) halte:


- Ich finde, Babys kann man nicht verwöhnen. Meine Kinder haben als Babys die meiste Zeit auf meinem Arm verbracht und ich habe sie nie schreien lassen. Als Babys waren sie allesamt dick - wenn sie Hunger hatten, bekamen sie die Flasche, auch wenn keine vier Stunden vorbei waren. Ein Baby kann noch nicht warten.

- Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Meine Tochter konnte früh sprechen und war mit drei trocken. Der 5jährige ist erst seit kurzem vollständig trocken und hat Sprachprobleme (ist dafür motorisch sehr begabt), der 3jährige braucht noch immer seinen Schnuller und auch bei ihm ist ein Ende der Windelzeit noch lange nicht in Sicht.

- Meine Kinder dürfen ganzheitliche Erfahrungen machen. Zum Essenlernen gehörte auch dazu, es im ganzen Gesicht, in den Ohren, an den Händen und Armen hängen zu haben.

- Meine Tochter hat psychische Probleme und ist so stark verhaltensauffällig, dass ich sie nicht mehr im Griff habe - deshalb suche ich mir bzw. uns Hilfe. Ich will schließlich, dass sie wieder gesund ist.

- Meine Tochter geht aufs Gymnasium. Ein bisschen was hab ich wohl doch richtig gemacht.

- Ich bin eine Glucke. Sagt mein Mann. Weil ich den 3jährigen immer noch oft herumtrage, weil ich dem 5jährigen bei vielem helfe, was er schon allein könnte wie anschnallen im Auto, Kleidung anziehen usw. Find ich aber gar nicht schlimm.


Tja... wie immer fällt mir bei den positiven Dingen nicht so viel ein. Aber ich denke, es reicht erstmal, um sich ein Bild davon zu machen, worum es in meinem Blog gehen soll.

Ich sollte jetzt wohl endlich mal versuchen zu schlafen. Ich glaube, ich kann nicht. Morgen Nachmittag bringen wir meine Tochter in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ich sage mir immer wieder, wenn sie ein gebrochenes Bein hat, bringe ich sie ja auch ins Krankenhaus. Aber das schlechte Gewissen bleibt. Rabenmutter.

18.2.13 03:45

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