An die anonyme Gästebuchschreiberin

Offensichtlich bin ich keine gute Schreiberin. Die Ironie, die ich versuchte, in meinem ersten Blogeinbtrag zu legen, kam wohl nicht wie gewünscht an. Entweder das, oder der/die Gästebuchschreiber/in (ich vermute eher eine Schreiberin) hatte einfach nur Lust, an etwas herumzumeckern. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass der Eintrag anonym war, was leider einen Dialog verhindert, über den man sich über evtl. Missverständnisse hätte austauschen können.

Schade, dass ich aufgrund solcher anonymen Schreiber mein Gästebuch nun sperren musste, denn auf solche niveaulose Art von Kritik habe ich keine Lust. Konstruktive Kritik gerne - sofern ich die Möglichkeit habe, mich dem Schreiber gegenüber dazu zu äußern. Aber so nicht.

Die Schreiberin störte sich daran, dass ich angeblich abwertend über meine Tochter geschrieben hätte, sie sei ein armes Aschenputtel, und ich mir obendrein noch anmaße, mir einzubilden, dass ich ja auch etwas richtig gemacht habe, da meine Tochter auf's Gymnasium geht.

Nur für den Fall, dass die Gästebuchschreiberin nicht aus purer Feigheit anonym geschrieben und sich nicht einfach dumm gestellt und absichtlich meinen Hinweis auf Ironie ignoriert hat, möchte ich mich hierzu äußern.

Erstens war das mit dem armen Aschenputtel absolut ironisch gemeint - und ging keineswegs gegen meine Tochter. Vielmehr wollte ich mich damit über die Menschen lustig machen, die meine Tochter für ein armes Aschenputtel halten, weil ich ihr im Haushalt zwei Aufgaben zumute (Müll runterbringen und Spülmaschine ausräumen)

Zweitens - zu der Sache mit dem Gymnasium... da muss ich etwas weiter ausholen. Du, anonyme Gästebuchschreiberin bist also der Meinung, nur meine Tochter allein hat etwas richtig gemacht, es auf das Gymnasium zu schaffen?
Sie war nicht immer auf dem Gymnasium. Bis zu unserem Umzug im Dezember ging sie auf eine Gesamtschule, wo sie allerdings auch die Gymnasialklasse besuchte. Und zwar die 6. Klasse.

Meine Tochter - Anna heißt sie übrigens bzw. werde ich sie hier nennen - ist eine sehr intelligente, aber manchmal etwas faule und leicht abzulenkende Schülerin. Das hat sie wohl leider von mir, wie ich zugeben muss. Jedenfalls muss man sie schon immer mal etwas in den Hintern treten (bildlich gesprochen selbstverständlich), damit sie etwas für die Schule tut. Man muss sie nicht bei den Hausaufgaben betreuen oder mit ihr zusammen für einen Test lernen, aber man muss schon öfter mal deutlich nachfragen, ob die Hausaufgaben denn wirklich gemacht sind und sie daran erinnern, nochmal für die Arbeit zu lernen.

Im letzten Frühjahr war ich längere Zeit im Krankenhaus. Da mein Mann ja auch berufstätig ist und ich ihn etwas entlasten wollte, fragte ich Annas Vater, ob sie ein paar Wochen bei ihm wohnen könne. Da er sie erst anderthalb Jahre zuvor kennengelernt hatte (zuvor hatte er kein Interesse und sich bei ihr genau wie unserem gemeinsamen Sohn und seinen zwei weiteren Kindern, die er mit zwei anderen Frauen hat, nie gemeldet) und auch seitdem der Kontakt nur sporadisch stattfand - alle paar Wochen oder Monate mal, wobei Geburts- und Feiertage immer schön ignoriert wurden - hatte ich wenig Hoffnung, dass er damit einverstanden wäre. Doch zu meiner positiven Überraschung erklärte er sich bereit, Anna bis zum Ende meines Krankenhausaufenthalts bei sich aufzunehmen. Ich freute mich wirklich, da ich hoffte, es würde danach ein regelmäßigerer Kontakt daraus entstehen.

Zwei Wochen später hatte ich Post vom Amtsgericht im Briefkasten - er beantragte das alleinige Sorgerecht. Gegenüber Annas Therapeutin und auch dem Jugendamt behauptete er, er habe das alleinige Sorgerecht schon durch eine einstweilige Anordnung erhalten. Das stimmte nicht, jedoch glaubte man ihm, so dass ich keine ärztlichen Auskünfte mehr bekam und das Jugendamt voll hinter ihm stand, als er mir den Kontakt zu unserer Tochter verbot - sie habe Angst vor mir. Später erfuhr ich, dass er Anna erzählt hatte, ich wolle sie bis zur Verhandlung, die erst vier Wochen später stattfand, nicht sehen! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er weder das Sorgerecht noch das Aufenthaltsbestimmungsrecht.

Er kam mit ungeheuerlichen Vorwürfen, mein Mann und ich hätte Anna schwer misshandelt, gingen mit ihr nicht zum Arzt und würden sie auch sonst vernachlässigen.

Jugendamt, Gericht und Verfahrensbeistand waren sofort auf seiner Seite, so dass im Beschluss festgehalten wurde, dass Anna für's Erste ihren gewöhnlichen Aufenthalt beim Vater haben sollte. Das bedeutete für ihn, dass er nicht nur das Recht hatte, die Unterhaltszahlungen einzustellen und das Kindergeld zu kassieren, sondern auch die Pflichten zu übernehmen, die tagtäglich anfallen - also nicht nur für Unterkunft und Essen sorgen, sondern auch sich um schulische und gesundheitliche Belange zu kümmern. Da er mir ja - wenn auch grundlos - vorgeworfen hatte, diesen Verpflichtungen selbst nicht nachzukommen, wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass er selbst es umso besser machen würde - schon allein, um dem Gericht zu beweisen, dass es die richtige Entscheidung sei, ihm das Sorgerecht zu übertragen.

Das war allerdings nicht der Fall. Die Rechte beanspruchte er natürlich für sich, aber Pflichten...? Er besuchte nicht den Elternabend, der anstand, er brachte Anna nicht zu den Terminen bei ihrer Therapeutin und sagte diese nicht mal vorher ab, er ließ sie täglich stundenlang allein, wenn er zur Arbeit ging und kümmerte sich um keine Betreuung in dieser Zeit, er weigerte sich, das Geld für die Klassenkasse zu zahlen und ihr Schulsachen zu kaufen - das sehe er nicht ein, solange die Sache nicht richtig geklärt sei - und er lernte mit ihr nicht für die Schule.

Stattdessen versprach er ihre alle möglichen Dinge, wenn sie bei ihm bliebe. Er ermöglichte ihr Reiterferien und ignorierte völlig meinen Hinweis auf ihre Allergien - so dass sie nach wenigen Tagen während der Reiterferien ihren ersten Asthmaanfall bekam - schenkte ihr ein Kaninchen, das mit all dem Heu in ihrem Zimmer stand, gegen das sie allergisch war und machte noch viele andere Versprechungen, so dass Anna trotz all dem, was ihr offensichtlich dort fehlte, bei ihrem Vater bleiben wollte.

Nach der zweiten Verhandlung ging es gerade so weiter. Dass der Wunsch des Kindes nicht immer auch zum Wohle des Kindes ist, war weder für die Richterin noch für das Jugendamt von Belang, die allesamt völlig begeistert waren von dem Vater, der sich nach elf Jahren plötzlich für seine Tochter interessierte.

Dass Anna in der Schule auf einmal statt Einsen und Zweien fast nur noch Vieren und Fünfen schrieb, dass sie nicht mehr zu ihrer Therapeutin ging, dass der Vater sich an die Absprachen bezüglich Besuchszeiten fast nie hielt, wurde unter den Tisch fallen gelassen.

Nach einem halben Jahr stand die dritte Verhandlung an. Ich sprach mit Anna, mit meinem Anwalt und versuchte, mit Annas Vater einen Kompromiss zu finden. Das Wechselmodell - eine Woche bei ihm, eine Woche bei mir (was auch Annas Wunsch war) - schien mir eine gute Möglichkeit zu sein, gleichsam Annas Wunsch zu entsprechen, bei ihrem Vater zu leben und mich gleichzeitig genügend um sie kümmern zu können, um all das abzufangen, was der Vater nicht auf die Reihe bekam.
Doch er war damit nicht einverstanden.

Da ich meiner Tochter weiteres Hin und Her ersparen wollte, entschloss ich mich, meinem Kind zuliebe loszulassen. Ich erklärte ihr, dass ich ihrem Wunsch nicht weiter im Weg stünde und sie, wenn ihr Vater sich nicht auf das Wechselmodell einließe, komplett bei ihm leben dürfe. Das fiel mir nicht leicht. Aber so festgefahren wie die Richterin, die ab und an mal einen Kaffee trinken ging mit Annas "unabhängigen" Verfahrensbeistand - der übrigens wiederum in der gleichen Kanzlei tätig war wie der Anwalt der Gegenseite, was wir leider erst viel zu spät erfuhren - und so festgefahren, wie das Jugendamt war, wäre es voraussichtlich noch ein weiteres halbes Jahr weitergegangen und es ging Anna psychisch sichtlich schlechter.

Zwei Tage vor dem geplanten Gerichtstermin bekam ich einen Anruf von Annas Verfahrensbeistand. Anna habe sich, nachdem ihr Vater deutlich gemacht hatte, dass er sich unter keinen Umständen auf das Wechselmodell einlassen würde, dafür entschieden, wieder bei ihrer Mutter, mir, zu wohnen - "weil der Papa das mit den Arztbesuchen und der Schule nicht so hinkriegt" und weil er, wie sie mir später erzählte, immer öfter genervt reagiert habe, sobald sie in seiner Nähe war. Das hatte sie wohl vorher nicht wahrhaben wollen; sie hatte so lange keinen Vater und sich immer gewünscht, Kontakt zu ihm zu haben, so dass die Aussicht, sogar bei ihm leben zu dürfen, dazu geführt hatte, dass sie all seine schlechten Seiten völlig ausblendete.

Ich war natürlich froh, dass sie selbst gemerkt hatte, dass er nicht der Superdaddy war, als den sie ihn gern gehabt hätte. Dass sie selbst festgestellt hat, dass er kein Interesse an keinem seiner vier Kinder hat. Das tut weh, aber von mir hätte sie es nie geglaubt und dadurch, dass sie eine eigene Entscheidung getroffen hat, nicht bei ihm zu bleiben, bin ich nicht mehr die Schuldige. Jetzt zeigt er ihr sein wahres Gesicht: Seitdem sie zurück ist, das heißt seit über drei Monaten, hat sie ihn nicht mehr gesehen. Er will sie nicht sehen und hat ihr das auch deutlich gesagt. Wie von mir vermutet, hatte er mal den Papa spielen wollen - bis er feststellte, dass ein Kind nicht nur Spaß macht, sondern auch Arbeit und dass es Verpflichtungen mit sich bringt und man auch mal zurückstecken muss.

Ich freue mich, Anna wieder bei mir zu haben. Aber ich darf nun auch ausbaden, was er angerichtet hat. War sie vorher schon verhaltensauffällig, so ist das nun durch die Erkenntnis, dass ihr Vater ein Arschloch (- entschuldigt den Ausdruck, aber ich muss mal so sagen -) ist, um ein Vielfaches schlimmer geworden. Sie ist extrem aggressiv, wirft mit Gegenständen, geht grundlos auf ihre Geschwister los...
Ihr Asthma, das durch die Belastung mit den Allergieauslösern entstanden ist, ist so schlimm, dass sie sogar eine Woche im Krankenhaus verbringen musste und sie nun täglich Medikamente nehmen muss (vorher hatte sie kein Asthma).
In der Schule ist sie so stark abgesackt, dass nach diesem halben Jahr bei ihrem Vater ein Förderplan erstellt wurde. Als ich sie nach unserem Umzug in eine andere Stadt an einem Gymnasium anmelden wollte, wurde uns gesagt, dass wir das mit den aktuellen Noten vergessen könnten - es sei denn, sie ginge eine Klasse zurück.

Da Anna an sich schon ehrgeizig ist - sofern man sie unterstützt - und große berufliche Pläne hat, für die ein Studium nötig ist, war sie sofort damit einverstanden, nochmal in die fünfte Klasse zurückzugehen. Sie muss vieles aufholen,l nicht nur schulisch, auch sozial, psychisch, gesundheitlich.

Also, liebe anonyme Schreiberin, sicher hast du Recht und meine Tochter hat etwas richtig gemacht, um aufs Gymnasium zu kommen - indem sie sich für den Elternteil entschieden hat, der sie unterstützt und dafür, ein Schuljahr freiwillig zu wiederholen. Aber die notwendige Unterstützung kam von mir - und auch wenn ich persönlich das als selbstverständlich betrachte, ist es das ja offensichtlich nicht für alle Väter und Mütter! Somit erlaube ich mir, stolz auf meine Tochter und auch auf mich zu sein!

Für den Fall, dass ich dich falsch eingeschätzt habe und du dich nur unglücklich ausgedrückt hast und eigentlich bereit bist, konstruktive Kritik zu äußern und an einem Dialog Interesse hast, besteht die Möglichkeit, mir über www.myblog.de eine Freundschaftsanfrage zu schicken.
Gerne lasse ich mir auch Tipps geben, wie man schriftliche Ironie besser bzw. für jeden verständlich ausdrücken kann. Ich lerne gerne dazu.

18.2.13 09:48

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